Machtlosigkeit – Kontrollverlust – das Leben meistern

Habe mich in den letzten Tagen intensiv mit dem Gefühl der Machtlosigkeit und der daraus resultierenden Lebensunfähigkeit auseinander gesetzt.

Wir gaben zu, dass wir … (Verlusten, Gefühlen, Ängsten, Verhaltensmustern, Süchten) … machtlos sind – und unser Leben nicht mehr meistern konnten.

Dieses Eingeständnis und Annehmen der eigenen Lebenssituation, dass der entscheidende erste Schritt, zur Veränderung des eigenen Lebens, in den zwölf Schritte Programmen ist. Wenn ich dem Leben ausgeliefert bin und keine Möglichkeit sehe Einfluss zu nehmen, bin ich machtlos. A.F.Th. van der Heijden schreibt in seinem Requiemroman „Tonio“, in welchem er den Tod seines Sohnes zu verarbeiten versucht:

Das Gefühl der totalen NIEDERLAGE. Dein Sohn ist dir von einer unbekannten Macht genommen worden, der du, als Vater, nicht Einhalt gebieten konntest.

Diese Niederlage, die ich heute nicht mehr auf ein persönliches Versagen zurückführe, sondern darauf, dass das Leben als solches, über sich und das Sterben bestimmt. Die Einsicht, wie wenig ich im Leben unter Kontrolle habe, die, wie ich sie empfinde, gar nicht dem Zeitgeist dem Europa des 21. Jahrhunderts entspricht. Höhere Mächte, die mich nicht immer, wunderbar geborgen fühlen lassen. Das Universum, die Natur, den Ablauf der Zeit als höhere Mächte annehmen, über welche ich nie eine Kontrolle erlangen werde. Akzeptieren nur eignes Denken, Verhalten und Tun kontrollieren zu können. Weshalb ist dies so schwer für mich, etwas das seit Menschengedenken für alle gilt?

Eine Ich-Bezogenheit, die mein Selbstwertgefühl entrückt und mich hindert Leben zu meistern? Weshalb fühle ich mich schuldig für Dinge, über welche ich keine Macht habe und verdränge meine Schuld, wo ich verantwortlich bin?

Advertisements

Neujahr – Beginn von etwas Neuem oder verharre ich im Alten?

An Festtagen wie Weihnachten und Neujahr werde ich mir immer wieder bewusst, wie unvollständig und dezimiert meine Familie ist. So viele Rollen meiner Lebensgeschichte sind nicht mehr besetzt. Die Eltern seit Jahrzehnten geschieden. Mutter alkoholabhängig, Vater dement, beide Pflegefälle und in ihren eigenen Welten versunken. Vaters zweite Frau, die sich nicht als Teil unserer Familie sieht. Meine Schwester und engste Beziehungsperson meiner Jugend, im Dezember 1986 verstorben. Die Schwester meiner Frau und Patin unserer einzigen Tochter, in der Heroinsucht verloren. Ihr ehemaliger Lebenspartner und Vater unseres Patenkindes, 1991 bei einem durch übermässigen Alkoholkonsum verursachten Autounfall verstorben. Aufgrund der Suchtkrankheit seiner Mutter ist unser Patenkind heute ein junger Mann ohne Vertrauen in verwandtschaftliche Bindungen und es hat sich von seiner Ursprungsfamilie abgewandt. Der Vater unseres ersten Enkels, ein syrischer Kurde, hat 2005 in Syrien unter ungeklärten Umständen das Leben verloren. Nicolas, unser Sohn dem ich diesen Blog widme und Pate unseres ersten Enkels, 2010 verstorben. Der Ehemann unserer Tochter und Vater unseres zweiten Enkels, den die Pflichten eines Ehegatten und Vaters nicht gewachsen, musste die gemeinsame Wohnung, kurz vor Weihnachten, verlassen.

Diese Personen fehlen, sind Lücken in meinem Hier und Jetzt. Sind nur noch in einem imaginären Gesamtbild, das mir von meiner Familie vorschwebt, vorhanden. Mit allen hatte ich eine gemeinsame Geschichte, bin bestimmte Wegabschnitte gegangen. Fragmente meiner Identität. Durch Erinnern existieren diese Personen in meinem Geist weiter. Welche Bedeutung darf ich diesen Geistwesen geben? Wie hat sich unser Zusammenleben wirklich abgespielt und wie war unsere Beziehung tatsächlich, was ist Illusion, Hoffnung? Es ist an der Zeit mich an der gewesenen Wirklichkeit zu orientieren und mich von Illusionen zu lösen. An einer Gegenwart zu orientieren, in welcher die Lebenden die Hauptrolle spielen und die Vergangenheit einen nicht mehr veränderbaren Hintergrund bildet.

Alles andere wäre gegenüber denjenigen, mit welchen ich das neue Jahr erlebe nicht gerecht.

Verlust von noch nicht Geschehenem

Oft trauere ich um die gemeinsame Zukunft, welche ich mit unserem Sohn nie haben werde. Ich empfinde in gewissen Phasen wie der amerikanische Psychiater Elliot Luby formulierte:

„Wenn Deine Eltern sterben, verlierst Du Deine Vergangenheit. Wenn Dein Kind stirbt, verlierst Du Deine Zukunft.“

Das Geschehene annehmen und akzeptieren ist das Eine. Der Verlust von Zukunftsvisionen das Andere. Auf die gemeinsame Vergangenheit kann ich mit Genugtuung und Freude zurückblicken. Wie gehe ich jedoch mit einer Zukunft um, die nie stattfinden wird? Mit dem Verlust des zukünftigen Lebens und der Weiterführung der Vater-Sohn Beziehung?

Ich trauere um ein Leben, das unser Sohn nie leben und ich mit ihm nie teilen kann. Trauer um Liebe und Beziehungen, die er nie erfahren wird. Um das Glück über eigene Kinder und Partner, das er nie erleben darf. Traditionen die nicht weitergeführt werden können. Familienstrukturen die nicht mehr, in der natürlichen Form existieren. Es plagt mich ein Schmerz über den Verlust eines imaginären Verlaufs des Lebens,, welcher nicht mehr zutrifft, da dessen Fluss unterbrochen wurde.

Niemand weiss wie seine imaginäre Zukunft zur Realität wird, falls er sie überhaupt erlebt. Ich habe keine Gewähr und kein Recht auf einen Lebenslauf, den ich so leben werde wie ich ihn für mich wünsche, welchen ich als gerecht und menschenwürdig empfinde. Es existiert keine höhere Macht, welche meine Biografie für mich willentlich vorbestimmt. Die Kräfte des Universums und der Natur generieren Auswirkungen, in Verkettungen aus Ursache und Wirkung, auf mein Dasein. Menschliches Verhalten bestimmt und beeinflusst mein Leben durch Werte, Abhängigkeiten, Gier, Macht und vollbrachte Taten. Ausser den Möglichkeiten die mein eignes Verhalten und Denken geben, stehe ich den äusseren Bedingungen meiner Lebensumstände ziemlich machtlos gegenüber.

Es ist schlussendlich nicht nur die Trauer um meinen Sohn, sondern auch die Trauer um den Verlust von dem Glauben an das GUTE, das GERECHTE, die mich orientierungslos zurücklässt. Es ist die Trauer um den Verlust meines eigenen Lebensentwurfes. Die Trauer um das Leiden meiner Frau, welchem ich machtlos gegenüber stehe und welches unsere Beziehung nachhaltig veränderte.

Freiheit und Vertrauen / Freiheit in allem Denken und Tun

Kann ich darauf vertrauen, dass ich die Freiheit habe das zu tun das ich als das Richtige für mein Leben erachte? Habe ich die Freiheit über mein Leben zu entscheiden, darüber wie ich denke, an was ich glaube? Oder habe ich nur die Freiheit darauf zu vertrauen, dass sich Schicksal und höhere Mächte – wie die Natur, das Universum, die Kräfte die alles steuern und zusammenhalten – das Richtige für mich entscheiden? Ist somit schlussendlich die einzige Freiheit die ich habe, zu vertrauen und zu glauben, dass alles was geschieht (m)einen (Lebens)Sinn ergibt? Hängt mein Lebensglück davon ab ob ich vertrauen und glauben kann? Oder gibt mir die Freiheit selbst denken und entscheiden zu können das Vertrauen, das ich benötige um leben zu können?

Führt mich eine selbstbestimmte Existenz zu Lebensglück und –sinn? Doch wohin führt die Freiheit in allem Denken und Tun? Habe ich die Freiheit was ich denke auch zu tun? Gibt einem die Freiheit etwas zu denken auch das Recht es zu tun? Was auch immer ich denke, habe ich immer die Freiheit mich zu entscheiden ob ich es tue und wie ich es tue? Wir haben in der Schule gesungen.

„Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten, sie fliegen vorbei wie nächtliche Schatten. Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschiessen, es bleibet dabei: die Gedanken sind frei.“

„Ich denke, was ich will, und was mich beglücket, doch alles in der Still, und wie es sich schicket. Mein Wunsch und Begehren kann niemand verwehren, es bleibet dabei: die Gedanken sind frei.“

Damals konnte ich mir für mein Leben nur das Gute vorstellen, nicht wohin schlechte Gedanken führen können.

Der Weg vom Denken zum Tun verlangt eine Verantwortung von mir. Die Verantwortung Gedanken zu Ende denken. Zu akzeptieren, dass was ich getan habe geschehen ist und nicht mehr geändert werden kann. Die Freiheit in allem Denken gibt mir nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht auf Entscheidung. Eine Pflicht die verlangt unterscheiden zu können. Um zu entscheiden und unterscheiden muss ich innere Werte haben an denen ich mich orientieren kann. An welche ich glaube, die mir eine Weisheit vermitteln. Bonhoeffer schrieb in GESTAPO Haft:

„Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben … Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“

Die äusseren Umstände lassen daraus schliessen, dass er mit den guten Mächten innere Werte, sein Denken meinte. Gedanken sind frei. Eine Freiheit die auf das immaterielle beschränkt ist. Im Geist frei und reich. Im Leben unterdrückt und geschunden.

Weder die Freiheit alles denken zu können, alles Menschenmögliche zu tun, noch Glaube und Vertrauen haben die Brüche in meinem Leben verhindert. Was trotz allen Verlusten mir bleibt ist das Spirituelle. Meine Gedanken und Gefühle verlassen mich nicht. Diejenigen die mich plagen aber auch diejenigen die mich erfreuen, die als Glück empfinde.

Brüche des Lebens

Sind diese einfach geschehen. Unausweichliches Schicksal oder verursacht? Ist jemand verantwortlich für diese? Was ist das Entscheidende, damit gewisse Ereignisse den Status eines Lebensbruches und andere, obwohl diese sich von der Tragik her nicht unterscheiden, nicht?

Beruhen Brüche des Lebens immer auf persönlichen Verlusten und sind somit tiefst egoistische Geschehnisse? Sind es die Folgen der Brüche die mich leiden lassen oder ist es der Bruch als Solches? Wer verliert was bei einem Todesfall? Was derjenige der das Leben verloren hat, ausser seinem Leben und was der Angehörige, nebst seinem Mitmenschen?

Der Verlust der Beziehungen. Dem immaterielles Geflecht zwischen Menschen, das aus Gefühlen, Erlebtem und Hoffnungen gewebt ist. Der Verlust von noch nicht eingetretenem Erlebtem, einer Zukunft die ich mir erhoffte. Erlebnisse die erst in meinem Denken eine Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft suggerierten. Die aufgrund des Bruches des Lebens nie eintreten, nie zu Erlebtem werden. Die mir das Vertrauen nehmen, dass ich die Freiheit besitze meine Zukunft zu geschalten. Darüber zu entscheiden, welchen Weg ich auf der Landkarte meines Lebens einschlage.

Was auch immer geschah

Es ist unabänderlich. Ein Wegpunkt meiner Lebensgeschichte zu meinem Selbst. Geschah es zufällig oder wurde es durch eine höhere Macht initiiert? Ist alles eine Abfolge von in sich verknüpften Geschehnissen, die sich schlussendlich alle auf den Urknall zurückführen lassen? Welche Möglichkeiten habe ich um Geschehnisse zu beeinflussen? Sind meine Handlungen Reaktionen auf das was geschah oder geschieht es aufgrund meiner Handlungen?

Was auch immer geschah prägt mein Selbst. Somit auch was in meinem Leben geschehen wird. Die Auswirkungen des Geschehenen sind so vielfältig, wie die darin Involvierten und deren Blickwinkel als Betrachter. Als Involvierter, der sich auf dem Weg des Lebens bewegt, ändert sich mein Blickwinkel als Betrachter. Auf das was geschah und wie dies in der Landkarte meines Lebens eingebettet ist. Somit ändern sich auch meine Wahrnehmungen, Empfindungen, Reaktionen und deren Einfluss auf meine Identität solange ich mich auf dem Weg des Lebens bewege. Meine Vergangenheit ist unabänderlich, doch deren Einfluss auf meine Identität ist keine fixe Konstante.

Landkarte meines Lebens

Auf dem Champf, ob St. Gallen, typische Ostschweizer Vorfrühjahrsstimmung. Der Alpstein verhangen. Ein frischer Westwind trieb dunkle Wolken über den Bodensee, blies einem Schneeregen ins Gesicht. Die Landschaft dunkelgrün, schmutzbraun gefärbt und mit grauen Schneeflecken durchzogen. Vom Appenzellerland, Untertoggenburg übers Fürstenland zur Stadt St. Gallen bis zum Bodensee schweifte mein Blick durch die Region, in welcher sich mein Leben über weite Zeiträume abspielte. Ich beschloss, dass ich diese am Nachmittag, zusammen mit meinem Enkel, durchqueren werde. Um mit ihm das Grab meines Sohnes und meinen greisen Vater im Altersheim zu besuchen. Durch die Landschaften meiner Vergangenheit zu reisen, zu meiner Geschichte und meinem Selbst, das durch die Geschehnisse in dieser Raum-Zeit Relation geprägt ist. Vieles was nicht vorbestimmt war, nur angenommen werden konnte, Anderes das aufgrund von Entscheidungen, eignen und solche Anderer, geschah. Ereignisse die meinen Weg durch Raum und Zeit prägten. Ein Empfinden des Lebens, das dargestellt werden kann wie eine jüdische Thorarolle. Die Landschaft die ich jetzt sehe, als Landkarte, welche sich fortwährend von der Rolle der Zukunft zur Rolle der Vergangenheit abrollt. Ich fragte mich, ist diese Landschaft meine Heimat?

Welche Perspektiven und Ziele haben wir noch, wenn wir unsere Kinder nicht mehr wiedersehen können?

Ich kann diese Fragen nur für mich beantworten. Ich masse mir nicht an, Annahmen zu treffen, wie Andere mit dieser Endgültigkeit umzugehen haben. Im Umgang mit der Perspektive, im Sinne von

aus welcher Sicht nehme ich die Welt nach all dem Geschehenen wahr

arbeite ich. Was ist für mich wichtig, bedeutend? Welches sind meine Werte, an was glaube ich? Was empfinde ich und nicht welche Meinung übernehme ich, weil es am einfachsten ist. Suche ich Antworten auf die Fragen und löse ich die Aufgaben, die mir das Leben stellen? Ich beschäftige mich mit Philosophie, Erfahrungen anderer Menschen in ähnlichen Lebenssituationen und versuche diese mit Mediation (im Sinne von in mich gehen) während langen Spaziergängen zu verinnerlichen.

Welche Ziele, habe ich noch? Das „Noch“ ist irgendwie limitierend, das Ende voraussehend. Die Vergangenheit hat mich gelehrt, dass der Verlauf meiner Zukunft und mein Schicksal sich nicht an meine Vorstellungen halten. Also stelle ich mir besser die Frage, welche Ziele habe ich heute. Ziele in welchen ich meinen Erfahrungen, mein Wissen über Machtlosigkeit, Verzweiflung, Trauer und Wut berücksichtige.

Ich wusste früher nicht, wie es sich anfühlt ein Kind zu verlieren, was das auslöst. Heute weiss ich es und es hat Veränderungen in meinem Denken ausgelöst. Ich verstehe und finde es richtig wenn Menschen migrieren um ihrem Schicksal zu entfliehen. Wenn ich erfahre, dass Boko Haram Mädchen als Selbstmord Attentäterinnen missbrauchen, IS Knaben als Kämpfer rekrutiert, verstehe ich, dass man als Eltern alles versucht um seinen Kindern ein solches Schicksal zu ersparen. Gegen die unbekannte Krankheit meines Sohnes war ich machtlos. Der bekannten Gefahr, auch des geistigen, Terrors, kann ich entgegentreten.

Ein Ziel für mich ist, dass ich Flüchtlingen, Menschen in Not Verständnis entgegenbringe und diese nicht als Bedrohung betrachte; dass ich nicht Fremdenhass aufgrund von Vorurteilen toleriere. Dogmatische Denkrichtungen, egal ob diese von fundamentalen Christen, Islamisten, Juden oder Politikern ausgehen akzeptieren. Keine Politik die auf Gewalt, Macht und rein wirtschaftlichen Interessen basiert, unterstützen. Mich dort für das Leben, das Schicksal von Menschen einsetze wo es nicht Zufall ist. Es ist Zufall, dass ich in der Schweiz geboren wurde und leben kann, aber die Werte die in meinem Umfeld und für mich gelten darf ich nicht dem Zufall überlassen.

Gibt es ein Leben nach dem Tod und sehen wir unsere Kinder wieder?

Bedeutende Fragen, die nicht nur ich, sondern alle verwaisten Eltern die kenne, stellen. Auch im Film „The tree of life“ wird in der Schlussszene ein Wiedersehen und dem zu Folge ein Leben nach dem Tod angedeutet. Bedeutend, da Sie mein Sein in der Gegenwart massiv beeinflussen. Folgende Überlegungen und Annahmen mache ich Heute zu diesen Fragen:

  • Wenn nach dem irdischen Leben nichts mehr ist, sind in der Zukunft auch keine Gefühle, Schmerzen, kein Vermissen, Bedauern und Verzichten. Einfach Nichts, wie in einem tiefen, traumlosen Schlaf, wie ich ihn erlebte habe als nach meinem Herzinfarkt im Koma lag. Was bei dieser Annahme zählt, ist das Hier und Jetzt. Das jetzt zwar Vergangenheit ist, aber im Zeitpunkt des Erlebens als positiv empfunden wird. Ich glaube mein Sohn hat sein irdisches Dasein grösstenteils als positiv empfunden und Vorstellungen darüber gehabt wie er leben wollte, was für richtig und falsch war. Er hatte eine Lebensorientierung. Sicher er musste auch Tiefschläge einstecken. War teilweise introvertiert, konnte über seine Gefühle nur schwer sprechen, sie zeigen. Hatte unseres Wissens keine feste Partnerin. Doch gesamthaft glaube ich an eine positive Bilanz seines Lebensgefühls. Es schmerzt mich, meine Frau und seine Schwester, dass dieses Leben sich nicht weiterentwickelt, dass er das Glück von eigenen Kinder und Partnerschaft nie erleben konnte. Doch ihn kann dies, wenn diese Annahme zutrifft nicht schmerzen, da nach dem Tod nichts mehr ist und für ihn nur die Gegenwart zählte. Wir werden uns, wenn dies sich bewahrheitet auch nie mehr sehen, da nach meinem Tod auch Nichts sein wird. Auch für mich gilt dann:
  • Was zählt ist das Hier und Jetzt. In diesem kann ich meinen Sohn in meinem Erinnerungen geistig am Leben erhalten.

    Wenn ich in unserer Welt was verändern, verbessern will, kann ich dies auch nur im Hier und Jetzt tun, denn nach dem Tod ist Nichts, auch keine höhere Gerechtigkeit, die im irdischen Leben erfahrenes Leid korrigiert.

  • Wenn nach dem irdischen Leben unsere Seelen in Form geistiger Energie weiterleben wird vieles möglich sein. Zurzeit habe ich kein monotheistisches Bild einer regelenden, gütigen, gerechten, menschenähnlichen, höheren Macht. Für mich sind die höheren Mächte, die Natur, das Universum und deren Kräfte. Ich glaube auch, dass die guten Mächte, im Sinne von Bonhoeffers „von guten Mächten getragen“, Liebe, Verantwortung, Mitgefühl, also unsere menschliche Werte, sind. Das heisst für mich, wenn meine Seele (meine Gefühle, mein Denken, meine inneren Werte) in Form einer geistigen Energie weiterbesteht, wird diese nur das beinhalten was ist. Ich werde all meine Liebe und meine Glücksgefühle, aber auch meinen Hass, meine Verzweiflung und meine Trauer mitnehmen, welche zum Zeitpunkt meines Todes meine Person ausmachen. Ich glaube nicht, dass nach meinem Sterben ein liebender Gott die Führung übernimmt und meine geistigen Defizite egalisiert. Ob ich als rein geistiges Wesen die Möglichkeit habe mich weiter zu entwickeln weiss ich nicht. So gilt für mich auch bei dieser Annahme, die Basis für eine Weiterexistenz in einer neuen Dimension baue ich mir im Hier und Jetzt. Das bedeutet ich muss versuchen in irgend einer Form Glück und Liebe zu bewahren oder gar wieder neu zu gewinnen, damit nicht nur verbitterte Wut und Trauer in die Ewigkeit übergeht.

Ich weiss nicht, welche Annahme zutrifft. Vielleicht gestaltet sich die Existenz in der Unendlichkeitich ganz anders. Mir fehlt bis heute ein Glaubensansatz zu dieser Frage. Falls die Annahme mit der geistigen immer währenden Energie zutrifft, glaube ich, dass die sich einander zugewandten Energieteile sich finden werden und mit einander kommunizieren können. Ich versuche heute so zu leben, dass wenn es so ist, ich meinem Sohn, all den Menschen, die mir was bedeuten und meinem Selbst mit reinem Gewissen entgegentreten kann. Mein Geist so gesund ist, dass ich es mit mir für immer aushalten werde.

Doch dies ist noch ein weiter Weg. An vielen Tagen sehe ich einfach nur das Negative, den Verlust, den Schmerz und das viele Leid auf unserer Welt. Und es macht mich wütend wie viel davon, durch den Menschen verursacht ist und vermeidbar wäre.