Bedeutende Fragen, die nicht nur ich, sondern alle verwaisten Eltern die kenne, stellen. Auch im Film „The tree of life“ wird in der Schlussszene ein Wiedersehen und dem zu Folge ein Leben nach dem Tod angedeutet. Bedeutend, da Sie mein Sein in der Gegenwart massiv beeinflussen. Folgende Überlegungen und Annahmen mache ich Heute zu diesen Fragen:

  • Wenn nach dem irdischen Leben nichts mehr ist, sind in der Zukunft auch keine Gefühle, Schmerzen, kein Vermissen, Bedauern und Verzichten. Einfach Nichts, wie in einem tiefen, traumlosen Schlaf, wie ich ihn erlebte habe als nach meinem Herzinfarkt im Koma lag. Was bei dieser Annahme zählt, ist das Hier und Jetzt. Das jetzt zwar Vergangenheit ist, aber im Zeitpunkt des Erlebens als positiv empfunden wird. Ich glaube mein Sohn hat sein irdisches Dasein grösstenteils als positiv empfunden und Vorstellungen darüber gehabt wie er leben wollte, was für richtig und falsch war. Er hatte eine Lebensorientierung. Sicher er musste auch Tiefschläge einstecken. War teilweise introvertiert, konnte über seine Gefühle nur schwer sprechen, sie zeigen. Hatte unseres Wissens keine feste Partnerin. Doch gesamthaft glaube ich an eine positive Bilanz seines Lebensgefühls. Es schmerzt mich, meine Frau und seine Schwester, dass dieses Leben sich nicht weiterentwickelt, dass er das Glück von eigenen Kinder und Partnerschaft nie erleben konnte. Doch ihn kann dies, wenn diese Annahme zutrifft nicht schmerzen, da nach dem Tod nichts mehr ist und für ihn nur die Gegenwart zählte. Wir werden uns, wenn dies sich bewahrheitet auch nie mehr sehen, da nach meinem Tod auch Nichts sein wird. Auch für mich gilt dann:
  • Was zählt ist das Hier und Jetzt. In diesem kann ich meinen Sohn in meinem Erinnerungen geistig am Leben erhalten.

    Wenn ich in unserer Welt was verändern, verbessern will, kann ich dies auch nur im Hier und Jetzt tun, denn nach dem Tod ist Nichts, auch keine höhere Gerechtigkeit, die im irdischen Leben erfahrenes Leid korrigiert.

  • Wenn nach dem irdischen Leben unsere Seelen in Form geistiger Energie weiterleben wird vieles möglich sein. Zurzeit habe ich kein monotheistisches Bild einer regelenden, gütigen, gerechten, menschenähnlichen, höheren Macht. Für mich sind die höheren Mächte, die Natur, das Universum und deren Kräfte. Ich glaube auch, dass die guten Mächte, im Sinne von Bonhoeffers „von guten Mächten getragen“, Liebe, Verantwortung, Mitgefühl, also unsere menschliche Werte, sind. Das heisst für mich, wenn meine Seele (meine Gefühle, mein Denken, meine inneren Werte) in Form einer geistigen Energie weiterbesteht, wird diese nur das beinhalten was ist. Ich werde all meine Liebe und meine Glücksgefühle, aber auch meinen Hass, meine Verzweiflung und meine Trauer mitnehmen, welche zum Zeitpunkt meines Todes meine Person ausmachen. Ich glaube nicht, dass nach meinem Sterben ein liebender Gott die Führung übernimmt und meine geistigen Defizite egalisiert. Ob ich als rein geistiges Wesen die Möglichkeit habe mich weiter zu entwickeln weiss ich nicht. So gilt für mich auch bei dieser Annahme, die Basis für eine Weiterexistenz in einer neuen Dimension baue ich mir im Hier und Jetzt. Das bedeutet ich muss versuchen in irgend einer Form Glück und Liebe zu bewahren oder gar wieder neu zu gewinnen, damit nicht nur verbitterte Wut und Trauer in die Ewigkeit übergeht.

Ich weiss nicht, welche Annahme zutrifft. Vielleicht gestaltet sich die Existenz in der Unendlichkeitich ganz anders. Mir fehlt bis heute ein Glaubensansatz zu dieser Frage. Falls die Annahme mit der geistigen immer währenden Energie zutrifft, glaube ich, dass die sich einander zugewandten Energieteile sich finden werden und mit einander kommunizieren können. Ich versuche heute so zu leben, dass wenn es so ist, ich meinem Sohn, all den Menschen, die mir was bedeuten und meinem Selbst mit reinem Gewissen entgegentreten kann. Mein Geist so gesund ist, dass ich es mit mir für immer aushalten werde.

Doch dies ist noch ein weiter Weg. An vielen Tagen sehe ich einfach nur das Negative, den Verlust, den Schmerz und das viele Leid auf unserer Welt. Und es macht mich wütend wie viel davon, durch den Menschen verursacht ist und vermeidbar wäre.

Advertisements