An Festtagen wie Weihnachten und Neujahr werde ich mir immer wieder bewusst, wie unvollständig und dezimiert meine Familie ist. So viele Rollen meiner Lebensgeschichte sind nicht mehr besetzt. Die Eltern seit Jahrzehnten geschieden. Mutter alkoholabhängig, Vater dement, beide Pflegefälle und in ihren eigenen Welten versunken. Vaters zweite Frau, die sich nicht als Teil unserer Familie sieht. Meine Schwester und engste Beziehungsperson meiner Jugend, im Dezember 1986 verstorben. Die Schwester meiner Frau und Patin unserer einzigen Tochter, in der Heroinsucht verloren. Ihr ehemaliger Lebenspartner und Vater unseres Patenkindes, 1991 bei einem durch übermässigen Alkoholkonsum verursachten Autounfall verstorben. Aufgrund der Suchtkrankheit seiner Mutter ist unser Patenkind heute ein junger Mann ohne Vertrauen in verwandtschaftliche Bindungen und es hat sich von seiner Ursprungsfamilie abgewandt. Der Vater unseres ersten Enkels, ein syrischer Kurde, hat 2005 in Syrien unter ungeklärten Umständen das Leben verloren. Nicolas, unser Sohn dem ich diesen Blog widme und Pate unseres ersten Enkels, 2010 verstorben. Der Ehemann unserer Tochter und Vater unseres zweiten Enkels, den die Pflichten eines Ehegatten und Vaters nicht gewachsen, musste die gemeinsame Wohnung, kurz vor Weihnachten, verlassen.

Diese Personen fehlen, sind Lücken in meinem Hier und Jetzt. Sind nur noch in einem imaginären Gesamtbild, das mir von meiner Familie vorschwebt, vorhanden. Mit allen hatte ich eine gemeinsame Geschichte, bin bestimmte Wegabschnitte gegangen. Fragmente meiner Identität. Durch Erinnern existieren diese Personen in meinem Geist weiter. Welche Bedeutung darf ich diesen Geistwesen geben? Wie hat sich unser Zusammenleben wirklich abgespielt und wie war unsere Beziehung tatsächlich, was ist Illusion, Hoffnung? Es ist an der Zeit mich an der gewesenen Wirklichkeit zu orientieren und mich von Illusionen zu lösen. An einer Gegenwart zu orientieren, in welcher die Lebenden die Hauptrolle spielen und die Vergangenheit einen nicht mehr veränderbaren Hintergrund bildet.

Alles andere wäre gegenüber denjenigen, mit welchen ich das neue Jahr erlebe nicht gerecht.

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