Tsunami Weihnachten 2004

Im Tagesanzeiger-Artikel Tims Baum werden Gedanken von Tim’s Mutter, der beim Tsunami sein junges Leben verlor, zitiert:

Früher hieltst du dich für unverwundbar. Du warst unbeschwert. Gerade an diesem Ort. Es kann dir nichts passieren und deinem Kind auch nicht. Dieses – Mir gehört die Welt- Gefühl.

Dann der 26. Dezember 2004, eine Wassersäule die sich urplötzlich am Strand zu einer betonharten, fast elf Meter hohen Wand auftürmt und die alte Welt in Stücke schlägt.

Die Welt, die dir gehörte. Jetzt weisst du, wie es sich anfühlt, dein Kind zu verlieren.

Ich erinnere mich noch an die Bilder in den Medien über diese Katastrophe. War entsetzt, wie nach 9/11 und vielen anderen Tragödien. Entsetzt über die hohe Anzahl unschuldiger Opfer, insbesondere Kinder. Hatte Mitleid mit den Überlebenden. Setzte mich mit Analysen und Berichten auseinander, suchte nach Erklärungen und glaubte zu verstehen was passiert war.

Doch dies war nicht eine Tragödie in meiner Welt. Ich wusste damals nicht wie es sich anfühlt sein Kind zu verlieren. 2004 konnte ich mir so eine Tragödie in meiner Welt nicht vorstellen. In diesem Jahr wurde unser erster Enkel geboren. Ein gutes Ende nach einer schweren Lebenskrise unserer Tochter. Glaubte unsere Familie und unser Mitwirken habe dies bewirkt. War überzeugt, wenn ich mir genug Mühe gebe, genug an das Gute und eine höhere Macht glaube, kann ich unser Schicksal positiv beeinflussen. Es kann mir und meinen Kindern nichts passieren.

Es war alles richtig, wie wir es 2004 gemacht haben. Heute weiss ich aber wie es sich anfühlt ein Kind zu verlieren und wie machtlos ich in vielen Dingen bin. Mein Schicksal und dies meiner Mitmenschen kann ich nur bedingt beeinflussen. Annehmen, Denken, Handeln und dies nur im Hier und Jetzt sind die Möglichkeiten mein Leben mitzubestimmen. Es ist nicht meine Welt in welcher ich lebe. Mein ist nur die Vorstellung die ich mir über mein Lebensumfeld mache. Ich lebe in einem Umfeld in der wir den Kräften der Natur weit stärker ausgesetzt sind als es die Menschheit wahrhaben will. Erdbeben die ihren Ursprung in der Entstehungsgeschichte der Erde haben, Zellwachstum und Genetik, die ausser Kontrolle geraten, mutieren Krankheiten verursachen, sind nur wenige Beispiele die aufzeigen wie fragil menschliches Leben durch die Natur angelegt ist.

Selbst in Situationen wo Menschen die Macht hätten, durch das Gute in uns, Kinderleben zu bewahren und schützen sterben tagtäglich Kinder. Unschuldig an den Geschehnissen. Am falschen Ort zur falschen Zeit geboren?

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Erinnerung, Identität und autobiographischer Prozess

Der Film „the tree of life“ hat mich wieder darauf aufmerksam gemacht wie stark meine Identität mit meinen Erinnerungen verknüpft ist. Seit längerer Zeit denke ich über Aussagen des Psychologen Prof. Dr. Jens Brockmeier nach.

Der autobiographischen Prozess, sei ein Prozess, in dem wir einen logischen Bedeutungs- und Sinnzusammenhang in unserem Leben erst erschaffen.

Bedeutet dies, dass ich den Sinn meines Lebens in mir suchen muss, dass nur ich über den Sinn meines Lebens entscheide?

Was in einer solchen Erzählung, als Form der Sinngebung in der Entwicklung des Individuums, der erinnerten Lebensgeschichte, entsteht sei die Identität eines Menschen. Die Vorstellung, die wir uns von unserem Ich oder Selbst machen. Identität entsteht also in einem autobiographischen Prozess, in dem Erinnerung und Erzählung unauflösbar verwoben sind. Sie nimmt Gestalt an, indem wir unseren Erinnerungen, Erfahrungen, Absichten, Ängsten und Hoffnungen eine Form verleihen.

Meine Identität ist unauflösbar mit dem Tod unseres Sohnes Nicolas verwoben. Sie besteht aus Trauer, Wut, Angst und dem Verlust einer gütigen höheren Macht, welche für mich gerecht agiert. Aber auch mit Erinnerungen an die Kindheit von Nicolas und mir, der unbeschwertesten Zeiten in meinem Leben. Der Angst, dass  das Schicksal nicht verlässlich ist, dass nur der Tod sicher ist. Erfahrungen die auf Liebe und soziales menschliches Verhalten beruhen, dass ich mein Leben meistern kann, wenn ich es annehme. Der Hoffnung, dass unseren Enkeln nicht das selbe Schicksal widerfährt.

Über sein Schicksal werde allein im Hier und Jetzt des autobiographischen Erzählens entschieden.

Ich glaube nicht, dass ich über mein Schicksal entscheiden kann. Ich kann heute darüber entscheiden wie ich heute mein bisheriges Leben werte, darüber entscheiden ob ich mein Leben – mein Schicksal – so annehme, wie es bis jetzt geschehen ist. Mein Schicksal ist das Leben. Dieses hängt von so vielen Faktoren ab, welche ich nicht bestimmen kann und die ich erst wahrnehme wenn sie schon Vergangenheit sind. Ich kann im Hier und Jetzt denken und handeln, aufgrund von dem was geschehen ist. Dies vermittelt mir nur das Gefühl ich könne über mein Schicksal entscheiden.

Es gebe aber auch Erfahrungen, die in unserem autobiographischen Gedächtnis derart bewahrt bleiben, dass sie ein für allemal fixiert zu sein scheinen. Sie gehören in einem sehr persönlichen Sinn zu uns, zu unserer Identität. Sie haben sich so nachhaltig in unsere Gegenwart eingeschrieben, weil sie zwei Eigenschaften aufweisen: besondere lebensgeschichtliche Bedeutung und grosse sinnliche Präsenz. Dazu Krankheiten und Todesfälle von Nahestehenden. Erfahrungen, die sich wie glühende Lavamasse in den Leib ergiessen und dort gerinnen. Unverrückbar lassen sie sich seitdem abrufen, jederzeit und unverändert.

Wie wahr!

“The Tree of Life” von Terrence Malick

The tree of life ist für mich nicht, wie von Arte beschrieben, ein problematischer oder unvollkommener Film. Problematisch und unvollkommen ist der gesellschaftliche Umgang mit der, der Geschichte zu Grunde liegenden, Tragik. Der Verlust eines Kindes und die sich daraus entstehenden Fragen zur Theozidee, dem Sinn und Ursprung des Lebens, gibt es ein Leben nach dem Tod, eine höhere Macht. Ich habe meine Schwester, als sie 26 Jahre alt war, und meinen Sohn, als er 22 Jahre alt war, verloren. Wenige Menschen wollen sich mit mir über das Erlebte austauschen.

Selten habe ich bis jetzt erlebt, dass das was ich in meiner Trauerarbeit denke und fühle, mir so entsprechend dargestellt wurde. Meine Trauerarbeit zwingt mich dazu, wenn ich über ewiges Leben und sterben nachdenke, beim Ursprung des Lebens zu beginnen. Was ist gut? Wer ist dafür verantwortlich? Werde ich die Verstorbenen je wieder sehen? Diese Themen werden in dem Film mit starken Bildern und ohne epische Dialoge dargestellt. Es werden keine dogmatischen Aussagen gemacht, ich als Zuschauer kann mein Denken entwicklen. Auch die Erinnerung, die an verlorene Kinder oder Geschwister ein Teil der eigenen Identität sind, habe ich auch in Bild-Sequenzen, wie im Film, gespeichert. Für mich wurde ein sehr schweres Thema, über das man mit Worten nur schwer das Richtige sagen kann, tiefgründig umgesetzt.

http://www.arte.tv/sites/fr/olivierpere-de/2014/12/02/the-tree-of-life-von-terrence-malick/

Tree of life in der Wikipedia 

„Die Götter haben Leid und Elend geplant“

Schlagwörter

Das Dilemma der Theodizee liegt meines Erachtens in unserem Denken selbst. Unbestritten ist, dass das Universum, welches unsere Welt beinhaltet, nicht durch uns geschaffen wurde. Auch die Evolution, die im biologischen System der Erde, schlussendlich den denkenden Menschen hervorbrachte ist durch eine, uns fremde, Macht oder Kraft angestossen worden. Wir weisen dieser Macht Eigenschaften, wie gütig, allmächtig und allwissend also menschliche Hoffnungen, zu. Stellen uns vor, dass sie uns nach ihrem Ebenbild erschaffen hat. Sind dies jedoch nicht nur unsere Wünsche? Haben in Wirklichkeit nicht wir einen Gott erschaffen? Einen der unseren Idealvorstellungen entspricht. Eine höhere Macht die menschliches Leben geschaffen hat, muss nicht zwingend denken und handeln wie wir. Unser Leben ist für mich nicht vorbestimmt und folgt keinem höheren Plan, der in Gerechtigkeit und ewigen Leben endet. Sondern für vieles gilt „Der wirkliche Regisseur unseres Lebens ist der Zufall – ein Regisseur voll der Grausamkeit, der Barmherzigkeit und des bestrickenden Charmes.“ (Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon). Ich kann an das Gute glauben und es versuchen in meinem Leben umzusetzen, doch ich habe keine Garantie, dass mir das Selbe widerfährt. Die Freiheit meines Willens endet dort, wo mein Hunger, Überlebenskampf und Fortpflanzungstrieb beginnt. Die Kraft der Theologien liegt darin, dass wir glauben können, damit viel bewirken und nicht im Wirken einer höheren Macht oder eines Gottes.

http://blog.tagesanzeiger.ch/hugostamm/index.php/33962/die-goetter-haben-leid-und-elend-geplant/comment-page-2/#comment-663809

Wenn der Tod nicht das Ende ist (Death is not the end )

In meinem letzten Beitrag habe ich geschrieben, dass es für mich ein beruhigender Gedanken sei, dass die Lebensenergie eines Wesens und somit seine Seele als solches nicht stirbt. Beruhigend deshalb, da ich die Lebensenergie unseres verstorbenen Sohnes als eine positive Kraft wahrnehme und ich nun eine Möglichkeit sehe, dass diese noch vorhanden sein könnte. Sein Denken und Fühlen als der Geist, welcher die Persönlichkeit eines Menschen ausmacht, welcher schlussendlich als seine Lebensenergie unsterblich ist. Wohl körperlos, unsichtbar und deshalb unfassbar, gibt sie den Toten wieder ein Bild und Existenz. Nicht der Körper, welcher in den Sarg gelegt wurde prägt das Aussehen, sondern meine Vorstellung, wie ich den Verstorbene aufgrund seiner Wesensart jetzt wahrnehme.

Ob die Lebensenergie meines Sohnes auch ausserhalb des Denkens, von Personen die ihn gekannt haben, existiert kann ich nur vermuten. Ich weiss nicht ob die Lebensenergie von Verstorbenen wesensgleiche Eigenschaften hat oder nicht. Kann diese Energie neue Wahrnehmungen machen, neue Gefühle entwickeln oder besteht sie aus den getätigten Wahrnehmungen und Gefühlen? Geht der Denkprozess weiter, kann sich die Lebensenergie weiter entwickeln, kann sich diese Energie anreichern?

Ich werde in meinem jetzigen Dasein diese Fragen nie beantworten können. Das Einzige das ich aus eigener Erfahrung weiss, dass der Geist von meinem verstorbenen Sohn in meinem Denken wirkt und mein Denken beeinflusst. Ich kann daran glauben, dass dies ein Teil seiner unsterblichen Lebensenergie ist und weitere Teile nachwievor in der Natur und im Universum vorhanden sind.

Was ich jetzt tun kann, ist zu bewirken, dass es bei mir eine positive Energie sein wird, die von mir weiterleben könnte. Nicht Missmut, Gram, Hass, Neid, Angst und Unzufriedenheit soll von mir in eine andere Dimension übergehen und später in anderen Menschen wirken.

Wenn ich nun glaube das Geist wie Energie unzerstörbar ist und das Wahre in Menschen seinen Geist ausmacht, dann glaube ich an eine Form der Unsterblichkeit auf mein Denken und meine Weltenbilder im körperlichen Leben bezogen. Über zukünftige Weltenbilder, Wahrnehmung und das Denken der Verstorbenen, nach dem körperlichen Tod kann ich keine Aussage machen. Ich kann wohl mit meinem Denken versuchen darauf zu schliessen wie eine zukünftige Existenz sein könnte, die nur auf Geistigem beruht. Wie sich reines Denken ohne gleichzeitige Wahrnehmung und Sinneseindrücke anfühlt, ist vielleicht am ehesten mit tiefem Schlaf zu vergleichen, in welchem man nur erlebte Erfahrungen verarbeiten kann. Was wiederum im Falle meines Sohnes beruhigend für mich ist, da ich das Gefühl habe, dass er zufrieden mit seinem Leben war. Nicht vollständig, aber er weiss nicht was er noch nicht erlebt hat, daher kann er es auch nicht vermissen. Vielleicht melancholisch und noch unsicher, da ihm Erfahrungen und Wissen der Erwachsenenwelt teilweise noch fehlten, aber mit dem was bis jetzt war zufrieden. Und für mich ist dieser Gedanke heute sehr beunruhigend, da ich teilweise unzufrieden, unglücklich und voll von Gram bin.

Gabriel Markus schreibt im Buch „Warum es die Welt nicht gibt“: 

„Gott ist die Idee, dass das Ganze sinnvoll ist, obwohl es unsere Fassungskraft übersteigt. „ und „Der Mensch ist das Wesen, das wissen will, was oder wer es ist.“ sowie „dass das Göttliche, das er ausser sich sucht, der menschliche Geist selbst ist“.

Daraus kann ich für mich ableiten: eine höhere Macht ist der Geist des Menschlichen. Der Sinn des Lebens ist mein menschliches Verhalten. Die Lebensenergie als der Geist im Menschen der ihn zum sozialen Wesen macht. Die Liebe zu sich selbst und die Liebe zu Anderen. Die Achtung des Lebens, der Natur. Das Begreifen, dass wir nur existieren können, wenn wir am Ganzen teilhaben, es teilen können, es aber nie besitzen werden können. Daraus ergibt sich der Sinn und somit die höhere Macht des Lebens.

Lebensenergie / Weltseele

Im Buch „Dem Leben Sinn geben“, vorgestellt im Beitrag „death is not the end“, erwägt der Philosoph Wilhelm Schmid die Möglichkeit, dass alle Wesen eine unsterbliche Lebensenergie beinhalten. Diese sei ein Teil der Seele oder dieser gleichzusetzen. Beim Tod gehe diese Lebensenergie (wieder?) in ein anderes Wesen oder in den Kosmos und vielleicht in eine Art Weltseele über. Begründen könne man dies mit dem Energieerhaltungssatz, laut diesem geht Energie nie verloren. Dazu ist anzumerken, dass der Energieerhaltungssatz für ein geschlossenes System gilt und ich bin nicht überzeugt ob Lebensenergie sich mit rein physikalischen Grundregeln erklären lässt. Ich glaube das Wesentliche im Menschen sind seine Gedanken und Gefühle die das einzigartige Selbst, seine Seele ausmachen. Die elektrischen Impulse welche unser Denken, Fühlen und Erleben im Hirn auslösen sind es diese, welche als Lebensenergie bezeichnet wird? Informationen welche ich mit meinen Sinnen aufnehme, verarbeite, bewerte, zuordne, als Erinnerung abspeichere, werden auch diese Informationen in elektrische Impulse umgewandelt welche unsterblich sind.
Meine Gefühls-, Gedankenwelt und mein Wissen sind in diesem Fall meine unsterbliche Lebensenergie, welche den körperlichen Tod überdauert und in eine andere Dimension übergeht. Wie kann ich mir diese Daseinsform vorstellen? Wie ist eine seelische Existenz, welche Denken, Empfinden, Gefühle und Kommunikation beinhaltet ohne Körper, ohne Sinnesorgane und ohne biologisches System möglich? Geht die Lebensenergie in eine Weltseele über? Die als geballte Energie alles beinhaltet was je gedacht und gefühlt wurde. Alle Liebe, Ängste, Freude, Befriedigung, alles Leid, Wissen, aller Glaube und Hass welche auf unserer Erde je erfahren wurde, auf ewig vereint. Die Aufhebung von Raum und Zeit, nur das Nichtmaterielle. Oder Millionen-Milliarden von Energiefeldern die als einsamen Seelen, reduziert auf ihr geistiges Leben durch den Kosmos driften. Vielleicht entfernt sich die Lebensenergie auch nicht von ihrer angestammten Umgebung und versucht wieder einen neuen Energieträger zu beseelen.
Auch wenn ich bis heute nicht verstehen kann wie Lebensenergie ohne ein biologisches System (Körper und Hirn) funktioniert, ist es für mich ein beruhigender Gedanke, dass die Lebensenergie als solches und somit die Seele erhalten bleiben könnte. Weiter kann ich annehmen, dass eine höhere Macht nicht ein personifiziertes Wesen, sondern die gesamte Lebensenergie als Weltseele ist. Die den Zufall herbeigeführt hat, dass auf dem Planet Erde biologisches Leben entstanden ist.

Death is not the end

Bob Dylan 1988

When you’re sad and when you’re lonely and you haven’t got a friend
Just remember that death is not the end
And all that you’ve held sacred, falls down and does not mend
Just remember that death is no the end
Not the end, not the end
Just remember that death is not the end

When you’re standing at the crossroads that you cannot comprehend
Just remember that death is not the end
And all your dreams have vanished and you don’t know what’s up the bend

When the storm clouds gather ‚round you, and heavy rains descend
Just remember that death is not the end
And there’s no one there to comfort you, with a helpin‘ hand to lend …

Oh, the tree of life is growing
Where the spirit never dies
And the bright light of salvation shines
In dark and empty skies

When the cities are on fire with the burning flesh of men
Just remember that death is not the end
And you search in vain to find just one law abiding citizen …

Wenn Du traurig und einsam bist, und Du keinen Freund mehr hast,
Denke daran, der Tod ist nicht das Ende,
Und alles was Du heiliggehalten hast, fällt herunter und verbessert sich nicht mehr,
Denke daran, der Tod ist nicht das Ende, …

Wenn Du an der Straßenkreuzung stehst, die Du nicht begreifen kannst, …
Und alle Deine Träume sind verschwunden und Du weißt nicht was nach der Kurve kommt, …

Wenn die Sturmwolken sich über Dir versammeln, und schwerer Regen herunterkommt, …
Und niemand ist da um Dich zu ermutigen, mit einer helfenden Hand die er Dir leihen könnte, …

Für den Baum des Lebens der wächst, wo der Geist niemals stirbt, …
und dem hellen Licht der Erlösung, oben im dunklen und leeren Himmel, …

Wenn die Städte unter Feuer stehen, mit den brennenden Fleisch der Menschen, …
Und Du suchst vergeblich, um nur einen gesetzestreuen Bürger zu finden, …

Nachstehend zitierter Text von Wilhelm Schmid „Dem Leben Sinn geben“ , Suhrkamp Verlag

Dieser Deutung zufolge gehen Menschen, wie alle Wesen, aus einem allumfassenden Meer von Energie hervor, leben aus ihm heraus und kehren zu ihm zurück. Die Konturen von Menschen, des Menschen überhaupt, zeichnen sich für eine kleine Weile am Meeresufer der wirklichen Welt ab und werden wie das »Gesicht im Sand«, von dem Michel Foucault einmal sprach (Schlusssatz in: Die Ordnung der Dinge) von einem Wellenschlag wieder ausgelöscht. Was für einen Moment die Lebensenergie und Seele eines menschlichen Selbst war, geht wieder in die kosmische Energie und Weltseele über, die alles erfüllt und allem zugrunde liegt. Schon Zu Lebzeiten spürt ein Mensch in seinem Innersten diese namenlose, grenzenlose eigentliche Seele, die Energie, die auch dann bleibt, wenn keine Person mehr da ist, während die persönliche Seele mit ihren charakteristischen Ausprägungen von Energien in Gefühlen Wahrnehmungen Erinnerungen, Sehnsüchten in dieser Form nur diesem Menschen eigen und an sein körperliches Dasein gebunden ist.
Wenn das Wesentliche eines Wesens die Energien sind, die es beleben, dann gilt: Energie stirbt nicht. Das besagt der Energieerhaltungssatz, den Hermann von Helmholtz für die Physik formulierte und der auch für die Energieformen gelten könnte, die dem Körper, der Seele und dem Geist eines Menschen zugrundeliegen, für die bekannten (elektrische Energie, Wärmeenergie, Bewegungsenergie) und für die unbekannten. Die Energie des Lebens, die mit dem Tod entschwindet, ist dann weiterhin »da«, ohne genau lokalisierbar zu sein. Sie bleibt im Raum, unsichtbar und doch spürbar, kein Quantum geht verloren. Vorstellbar ist jedoch, dass nun ein anderes Leben damit auflebt, andere Menschen, Wesen und Dinge davon durchpulst werden und der Tote auf diese Weise weiterlebt. Die Lebenden, die den Tod nicht fliehen, können die Energie wahrnehmen, aufnehmen und mit ihr ins Leben zurückkehren. Der neue Mut, der sie überkommt, verdankt sich womöglich der Energie, die der Tote nicht mehr für sich beansprucht, sondern dem überlässt, der in Beziehung zu ihm bleibt. Die Ummantelung, die dem Sterbenden gewährt worden ist, schenkt dieser in anderer Form nach seinem Tod den Lebenden. Es ist, als trage er mit seiner Präsenz, die sich vom Körper gelöst hat, ihre ichs, geleite sie auf allen Wegen und halte schützend die Hand über sie. So lebt das Wesentliche eines Menschen vielleicht weiter in den Lebenden und trägt zu ihrem inneren Reichtum bei. Der Umgang mit dem Tod ist der Schlüssel zum Leben.

Letzte Einkehr

Seit Tagen geht mir dieses Zitat nicht aus dem Kopf. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld „Philosophie-eigenem Leben“, mich meinen Illusionen beraubt. Das „Happyend“ reduziert sich zu einem Ende, meine Existenz löst sich im Nichts auf. Doch kommt mir beim Durchfallen durch die Löcher im Netz der Film Time Bandits in den Sinn. Vielleicht fallen wir auch durch Zeitlöcher zu anderen Netzen im Universum oder werden von einem schwarzen Loch aufgesogen, womit jede Existenz und Wirklichkeit aufgehoben wäre und wir in die Ewigkeit gelangen.

Was aber kann noch schlimmer sein als der Tod?

Was aber, in Gottes Namen, kann noch schlimmer sein als Tonios Tod? – Die Wahrheit seines Todes, dass sie demnächst irgendwann, wirklich zu uns durchdringt.

Zitat aus Tonio, ein Requiemroman, A. F. Th. van der Heijden

Meine Wahrheit an dem Tod von meinem Sohn sind die Zweifel, an dem das ich vorher geglaubt habe. Dieses Gefühl, dass nichts mehr als sicher gilt, dass alles möglich ist, da eine Ordnung im Namen Gottes nicht existiert. Ich erlitt einen Vertrauensverlust in meine Glaubensvorstellungen.

Diese Zweifel führten dazu, dass ich mit Themen der Philosophie und Theologie auseinander setzte. Ich besuchte Vorlesungen zur Theodizee („Gerechtigkeit Gottes“ oder „Rechtfertigung Gottes“). Gemeint sind Antwortversuche auf die Frage, wie das Leiden in der Welt zu erklären sei vor dem Hintergrund, dass Gott einerseits allmächtig, andererseits gut sei. Konkret geht es um die Frage, warum Gott das Leiden zulässt, wenn er doch die Potenz („Allmacht“) und den Willen („Güte“) besitzen müsste, das Leiden zu verhindern. Ich setzte mich mit dem Buch „Glauben an einen Gott, den es nicht gibt“ Manifest des atheistischen Pfarrers Klaas Hendrikse und der These „Atheistisch an Gott glauben“ von Dorothee Sölle auseinander. Mühte mich mit dem Leib Seele Problem und der Philosophie des Geistes ab. Gelangte schliesslich zum Pantheismus des niederländischen Philosophen Baruch de Spinoza. In diesem wird das Göttliche im Aufbau und in der Struktur des Universums gesehen. Ein personifizierter, allmächtiger Gott ist somit nicht vorhanden.

Habe ich die Wahrheit des Lebens, des Todes, des Geistes oder Seele gefunden? Nein bis heute nicht und glaube auch nicht, dass diese je gefunden werden, ausser man beschränkt sich auf das Biologische. Was ich gefunden habe sind Denkansätze die mich von der Religion meiner Kindheit  wegführen. Das Gute und das Böse relativieren sich, eine höhere Gerechtigkeit ist in Frage gestellt. Beim Glauben an eine höhere Macht, denke ich, dass das Glauben und nicht die höhere Macht an sich das wesentliche Element ist. Was es sicher gibt ist, was die Kraft der Liebe bewirken kann und die Hoffnung die entsteht, wenn sich Menschen gegenseitig Gutes tun.

Wenn keine höhere Macht im theistischen Sinn verantwortlich ist für das Leben, den Tod, das Geschehen auf Erden, gibt es dann ein Leben nach dem Tod? Oder ist ewiges geistiges Leben ein Wunschtraum des Menschen da er eine Realität des begrenzten Lebens, des Unvollständigem, der fehlenden weltlichen Gerechtigkeit und des ungesühnten Bösen nicht akzeptieren kann.

Schlimmer als der Tod ist meine Erkenntnis, dass ich nicht darauf vertrauen kann, das es irgendeine Form des Weiterleben des Geistes nach dem körperlichen Tod gibt. Damit ist auch ein Wiedersehen nach meinem Tod höchst fragwürdig. Der Tod ist endgültig ein „point of no return“. Was ich vor dem Tod verpasst habe für mich oder Andere zu tun, bleibt für immer nichtig. Mit dieser Wahrheit muss ich mich abfinden.

„War hier das blinde Schicksal am Werk … und das blinde Schicksal teilt keine gezielten Strafen aus.“

Aus einem Gespräch zwischen den verwaisten Eltern Mirjam Rotenstreich und Adri van der Heijden in Tonio.

Das etwas geschieht, das einem so nahe geht wie der Tod des eigenen Kindes, ohne das man eine wahre Ursache dafür erkennen kann ist unbegreiflich und schwer zu ertragen. Also bemüht man in seiner Not, in Ermangelung einer Erklärung oder einem Schuldigen dafür, das Schicksal herauf. Nur was ist das Schicksal, das Werkzeug einer höheren Macht, die bestimmt über unser Leben, die urteilt, richtet und bestraft? Doch wenn das so wäre, wer soll bestraft werden? Die verstorbene Person oder die Hinterbliebenen? Für was soll man bestraft werden? Eine Strafe welche erfolgt ohne Anklage und Schuldspruch. Ist es nicht so, dass ich mich als überlebender Elternteil schuldig fühle, dafür dass ICH lebe, dass die natürliche Ordnung nicht eingehalten worden ist. Finde ich, geplagt von Schuldgefühlen, nicht leicht genügend Fehlverhalten in meiner Vergangenheit welche ein schlechtes Gewissen in mir schürt. Mein Verhalten in der Vergangenheit klärt so die Schuldfrage und ein strafendes Schicksal eine Erklärung für das Unbegreifliche. Ein strafendes Schicksal vertretend für eine höhere Macht, einen Gott?

Benutze ich das Schicksal als Vertreter einer höheren Macht nicht deshalb, da ich die Tatsache, dass das Leben grausam und ungerecht sein kann, nicht akzeptieren will. Da eine solche Einsicht viele Glaubensgrundsätze zunichte macht. Doch ich komme zur Überzeugung es ist der Lauf des Lebens welcher auch den Tod beinhaltet. Das Leben als solches entscheidet, urteilt und richtet nicht, das Leben findet statt. Das Leben hat einen Beginn und ein Ende, beides ist nur bedingt durch uns beeinflussbar. Das Leben findet manchmal zu unseren Gunsten, manchmal zu unseren Ungunsten statt. Dies empfinden wir als ungerecht und grausam. Beeinflussen, minimieren oder verhindern können wir höchsten Leid welches durch Menschen verursacht wird, das übrige müssen wir hinnehmen. Das Leben ist Zufällen untergeordnet, wie zum rechten Zeitpunkt am richtigen Ort oder umgekehrt. Ich glaube nicht, dass eine höhere Macht diese Zufälle lenkt, es ist das Leben welche diese hervorruft.

Es ist nicht das Schicksal, dass mich bestraft, mein Inneres erzeugt das Gefühl von Strafe und Schuld, weil ich den Lauf des Lebens nur schwer annehmen kann, weil ich mein Kind nicht beschützen konnte wie ich es mir als Pflicht auferlegt habe.